Sablowskis Verwendung der (objektiven) Ausbeutungsrate als Argument geht in eine ganz andere Richtung: «[…] die Ausbeutungsrate, die durch die Dynamik der relativen Mehrwertproduktion bestimmt wird, [ist] in den kapitalistischen Zentren zunächst höher ist als in der Peripherie. Wenn dem nicht so wäre, würde sich die Produktion auch nicht in den Zentren zusammenballen, weil sie dann unprofitabel wäre.« (Ebd.) Ja, die Ausbeutungsrate eines gut bezahlten und ausgebildeten BMWArbeiters ist höher als die einer Näherin in Bangladesch, einer Reinigungskraft oder gar einer Kaugummi-Verkäuferin in einer lateinamerikanischen Metropole. Die Ausbeutungsrate bei Letzterer ist gleich Null, sie wird nicht ausgebeutet, sondern versucht, ein Almosen abzubekommen, obwohl sie für die kapitalistische Produktion (und im Prinzip auch für die Zirkulation) überflüssig ist.
Der Skandal des »auf Kosten anderer leben« lässt sich also gar nicht in kapitalistischen Kategorien beschreiben. Er besteht weder in einem Transfer von Werten im Marx’schen Sinn, noch lässt er sich nach Marktpreisen berechnen. Insofern ist die Formulierung »auf Kosten anderer« irreführend. Vielmehr müssen wir nicht-kapitalistische Kategorien heranziehen, zum Beispiel physikalische (CO2-Äquivalente), biologische (Artenvielfalt), medizinische (Vergiftung) oder subjektive (menschliches Leid), um zu beurteilen, wer wie zulasten anderer lebt. Wir müssen die Frage, auf die der Begriff »imperiale Lebensweise« eine Antwort geben will, neu formulieren. Beruht die beschriebene Lebensweise notwendigerweise auf der Verschlechterung der Lebensverhältnisse »anderswo«? Verschlechtert sie zwangsläufig die Lebensverhältnisse anderswo?
Brand und Wissen ähnlich wie Lessenich streifen nach meinem Eindruck diese Fragen nur. Sie setzen als offensichtlich voraus, dass »das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich« ermöglicht wird: über 1. »Zugriff auf das Arbeitsvermögen«, 2. »die natürlichen Ressourcen« und 3. »die Senken […] im globalen Maßstab«. (a.a.O.) Für alle drei genannten Punkte lassen sich leicht Beispiele und – zumindest für 1. und 2. – Gegenbeispiele finden, die eine genauere Untersuchung lohnen.
»Unbegrenzter Zugriff auf das Arbeitsvermögen«: Die schlechten Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen in Bangladesch oder Kambodscha tragen sicherlich zur Verfügbarkeit von billigen Klamotten bei KIK oder Primark selbst für Subalterne hierzulande bei. Da der Lohnkostenanteil an den Gesamtkosten der Herstellung bisher aber relativ klein ist, ließe sich vermutlich deren Situation verbessern, ohne dass hier der »imperiale Lebensstil« gefährdet wäre. Dass allerdings genug Baumwolle produziert werden könnte, damit alle Menschen auf dem Planeten sooft ihr Outfit wechseln könnten wie der durchschnittliche Mitteleuropäer, scheint mir zweifelhaft. Die Frage ist auch, ob der unbegrenzte Zugriff auf das Arbeitsvermögen überhaupt entscheidend ist. Das menschliche Leid ist teilweise größer unter den Überflüssigen, deren Arbeitsvermögen für die vorherrschenden Produktions- und Konsumptionsweisen gar nicht gebraucht wird. 3